Alles nur ein bezahlbarer Wohntraum
Marginalie aus der heutigen Rems-Zeitung: Jetzt soll es also bald so weit sein: Die älteste Stauferstadt wird keine feste Quote mehr für bezahlbaren Wohnraum haben. 15 Prozent – auf diese Zahl hatte man sich ursprünglich geeinigt und, Trommelwirbel, sie nie erreicht. Keine einzige Wohnung sei dank der Quote entstanden, heißt es dazu aus dem Rathaus. Grund genug, den Antrag auf Streichung zu unterstützen? Aber was bedeutet das eigentlich alles? Warum schaffen wir überhaupt eine Quote, die Gmünd vor Gentrifizierung schützt und verhindert, dass wir im Eiltempo in eine Zweiklassengesellschaft rutschen, wenn wir sie dann gar nicht anwenden? Und warum gab es überhaupt die Möglichkeit, sich unter bestimmten Bedingungen einfach aus der Quote freizukaufen? Natürlich wird argumentiert, dass man durch Ausgleichszahlungen an anderer Stelle Wohnraum schaffen könne. Aber auf dem Papier wird nun mal eine verbindliche Vorgabe gestrichen. Man könne sich in der momentanen Wirtschaftslage keine Symbolpolitik mehr leisten, heißt es. Aber was ist es denn bitte für ein Symbol, wenn man das Ganze einkassiert? Wie kommt das bei Investoren, privaten Bauherren und den ganz normalen Bürgern auf der Straße an? Die Befürworter der Abschaffung werden seit Beginn der Debatte nicht müde zu betonen, dass man bezahlbaren Wohnraum ja brauche, die Quote dabei aber nicht helfe. Aber: Wenn ich eine Regel einführe, ist es doch nicht damit getan, sie einmal aufzuschreiben. Regeln müssen eingehalten werden! Wenn der Bruch keine Konsequenzen hat, können wir uns den gesamten, steuerfinanzierten Apparat dahinter sparen. Die Quote zu streichen und zu behaupten, Gmünd stünde im Landesvergleich bei erschwinglichen Wohnungen ganz oben, ist das eine. Dieses Argument aber weiter zu verwenden, obwohl nach Rücksprache mit der Erstellerin der Studie klar ist, dass die Zahlen wegen Doppelnennungen falsch interpretiert wurden, ist schlichtweg dreist. Natürlich passen profitorientierte Investoren und bezahlbarer Wohnraum selten zusammen. Das Argument, die Investoren blieben sonst aus, ist sicher nicht ganz falsch. Aber neben dem bitter nötigen wirtschaftlichen Aufschwung ist eben auch die Lebensrealität der Menschen vor Ort ein entscheidender Faktor. „Politik beginnt mit der Betrachtung der Wirklichkeit“, sagte jüngst unser Gmünder Stadtoberhaupt. Gut, betrachten wir sie: Da wurde eine Quote eingeführt, die bezahlbaren Wohnraum sichern sollte. Fakt. Diese Quote wurde kein einziges Mal aktiv genutzt. Ebenfalls Fakt. Sollte die ehrliche Betrachtung der Wirklichkeit nicht genau da ansetzen und fragen, warum sie nie angewendet wurde und was man künftig tun kann, damit sie endlich greift? Stattdessen versteckt man sich hinter dem beliebten Kampfbegriff des „Bürokratieabbaus“. Das Monster, das angeblich in allen Ämtern und Schulen haust. Die Bürokratie verkommt zum reinen Schmähwort, obwohl sie für soziale Gerechtigkeit elementar ist. Es als unnötige Bürokratie abzutun, dass es Regeln für bezahlbaren Wohnraum gibt, ist zutiefst undemokratisch. Aber da wir ja nicht bei „Wünsch dir was“ sind, bleibt uns nur eins: Seien wir gemeinsam gespannt, wie sich das bezahlbare Wohnen in der Zukunft entwickelt. Und wer weiß, vielleicht irrt der Autor dieser Zeilen ja auch und es findet sich ein besserer, effizienterer Weg. In dem Fall wäre es wirklich wünschenswert. (Hieronymus Häberle)
Copyright Rems Zeitung, 18.07.2026
