Fehlender Jahresabschluss: Schwäbisch Gmünd in SWR Aktuell
Aus der gestrigen Rems Zeitung: Während die Bürger ihre Steuererklärungen für das Jahr 2025 vorbereiten, gleicht der Blick in die kommunalen Bücher mancherorts einer archäologischen Ausgrabung.
Von der Mühsal der kommunalen Buchhaltung, einem 362.000-Euro-Befreiungsschlag in Schwäbisch Gmünd und der besorgten Analyse des Städtetags: Warum die „Doppik“ Baden-Württembergs Rathäuser in den finanziellen Blindflug treibt.
Es ist eine paradoxe Szenerie, die sich derzeit in den Kämmereien des Landes abspielt. Während die Bürger ihre Steuererklärungen für das Jahr 2025 vorbereiten, gleicht der Blick in die kommunalen Bücher mancherorts einer archäologischen Ausgrabung.
In Balingen oder Heidenheim zu Beispiel. Und in Schwäbisch Gmünd. Die Stauferstadt ist Teil eines landesweiten Phänomens, das nun auch die mediale Aufmerksamkeit von SWR Aktuell auf sich gezogen hat: Im ganzen Land hinken Kommunen bei der Erstellung der Jahresabschlüsse hinterher, teilweise jahrelang. Um es das Problem aus der Welt zu schaffen, hat man sich in Gmünd für einen teuren Weg entschieden: den Zukauf von externem Sachverstand.
Ein teures Rezept gegen den Reformstau
Der Gmünder Gemeinderat hat Fakten geschaffen. Für rund 362.000 Euro soll die Nürnberger Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Rödl Audit GmbH das buchhalterische Dickicht der Jahre 2020 und 2021 lichten. Es ist ein Befreiungsschlag gegen einen Berg aus Altlasten, den Stadtkämmerer René Bantel verteidigt. Das Problem sei kein Gmünder Spezifikum, sondern „gelebte Praxis in Baden-Württemberg“. Die Umstellung von der einfachen Kameralistik auf die kaufmännische Doppik (NKHR) hat sich für viele Kommunen als bürokratisches Monster erwiesen – das man nun mit Geld bändigen kann?
Susanne Nusser, Finanzdezernentin beim Städtetag Baden-Württemberg, mahnt im SWR-Bericht zur Vorsicht. Zwar könne externe Hilfe Entlastung bringen, doch warnt sie: „Man muss sich darüber im Klaren sein, dass nicht die ganze Arbeit von Extern abgenommen werden kann.“ Der Aufwand auf kommunaler Seite bleibe hoch, da die Daten dennoch intern aufbereitet werden müssten.
Es sind Zahlenkolonnen, die weit mehr als nur trockene Buchhaltung darstellen: Es geht um die Finanzen einer Stadt. Die verursachen Kosten. Rund 362.000 Euro will die Stadt für externe Unterstützung bei den Jahresabschlüssen 2020 und 2021 bezahlen.
Externe Hilfe für die Stadt
Schwäbisch Gmünd investiert 362.000 Euro in Wirtschaftsprüfer für Altlasten. Die Stadt Schwäbisch Gmünd holt externe Unterstützung für ihre überfälligen Jahresabschlüsse 2020 und 2021.
Trotz Kritik der söl-Fraktion
Gemeinderat beschließt 362.000 Euro für externe Hilfe bei Jahresabschlüssen
Besonders interessant ist die Hochrechnung im Bericht: Im Land fehlen weit über 2000 Abschlüsse. Würde jede Gemeinde dem Beispiel Schwäbisch Gmünds folgen und für horrende Summen Berater einkaufen, lägen die Kosten für den Steuerzahler bei über einer Milliarde Euro für eine gesetzliche Pflichtaufgabe, die eigentlich zum Kerngeschäft einer Verwaltung gehört.
Zwischen „Blindflug“ und Bürokratie-Frust
In Schwäbisch Gmünd sorgte dieses Vorgehen für politische Verwerfungen. Die SÖL-Fraktion im Gemeinderat, sieht in der Misere weniger ein systemisches Problem als vielmehr eine verfehlte Prioritätensetzung. Er spricht von einem erschwerten Kontrollrecht des Gemeinderats. Wenn Abschlüsse erst Jahre später vorliegen, drohe ein finanzieller „Blindflug“. Kämmerer Bantel weist dies entschieden zurück. Durch unterjährige Berichte sei die Steuerungsfähigkeit stets gegeben gewesen. Er sieht die Schuld beim Land: Die neuen Regelungen hätten zu einer „weiteren Ausuferung der Bürokratisierung“ geführt.
Fabian Müller von der Hochschule für Öffentliche Verwaltung und Finanzen in Ludwigsburg bestätigt im SWR, dass die Nachwirkungen der Doppik-Umstellung sowie die Grundsteuerreform die Kapazitäten binden. Dennoch betont er die Notwendigkeit der Transparenz: „Wenn wir wissen, wo wir stehen, wissen wir, wohin wir die Kommune steuern können. Das ist wichtig für die Bürgermeisterinnen und Bürgermeister, aber auch für die Gemeinderäte.“
Die Folgen der Langsamkeit
Für die Bürger mag das Thema trocken klingen, doch die Konsequenzen sind real. Ohne aktuelle Abschlüsse werde der Zugang zu Fördermitteln und Krediten schwieriger, so Müller. In Schwäbisch Gmünd hofft man nun, bis zum Jahr 2031 wieder „aktuell“ zu sein. Der Weg dorthin ist gepflastert mit hohen Honorarnoten für Wirtschaftsprüfer – in einer Zeit, in der die Kassen ohnehin klamm sind.
Copyright Rems Zeitung, 18.03.2026
