Geisterfahrer in der Wohnungspolitik
In Schwäbisch Gmünd soll die 15-Prozent-Quote für bezahlbaren Wohnraum bei Investorenprojektenfallen. Das Argument: Investitionshindernisse abbauen.
Kommentar aus der heutigen Rems-Zeitung: Man muss nahezu Mitgefühl haben mit den armen Investoren in Schwäbisch Gmünd. Gott sei Dank wollen große Teile des Gemeinderats doch tatsächlich die 15-Prozent-Quote für bezahlbaren Wohnraum kippen, um die Investoren zu entlasten und ihnen Investitionshindernisse zu nehmen. Was für eine rührende soziale Großtat! Endlich befreit man die Projektentwickler von der lästigen Pflicht, auch an Menschen zu denken, die keine Chefgehälter nach Hause bringen. Bevor das kollektive Weinen einsetzt, lohnt ein Blick ins Kleingedruckte: Die Quote trifft nicht den braven Häuslebauer, der sich mühsam ein Eigenheim mit einer Einliegerwohnung abspart. Es geht hier um große, renditeorientierte Investorenprojekte. Fällt die Quote, hat das fatale Folgen für den gesamten Gmünder Grundstücksmarkt: Wenn Investoren keine Sozialwohnungen mehr einplanen müssen, können sie maximale Renditen kalkulieren. Das Ergebnis? Sie kaufen den Markt leer und treiben die Grundstückspreise durch Spekulation in astronomische Höhen. Am Ende fehlen diese Flächen genau dort, wo sie dringend gebraucht werden – beim geförderten Wohnungsbau und beim privaten Häuslebauer, die bei diesen Preisen schlicht nicht mehr mithalten können. Wer nun glaubt, die Großinvestoren würden nach dem Wegfall der Quote aus purer Nächstenliebe günstigen Wohnraum hochziehen, pflegt eine faszinierende Form der Realitätsverweigerung. Klar, es gibt Ausnahmen: Das Projekt auf dem Gügling mit 100 Prozent bezahlbarem Wohnraum grenzt an ein Weihnachtswunder. Aber dieses Leuchtturmprojekt als Argument für die Abschaffung der Quote zu nutzen, ist schon sportlich. Es wird die absolute Ausnahme bleiben. Seltsam, dass in Städten wie dem bayerischen Lindau trotz hoher Baukosten Wohnungen entstehen. Und dies, obwohl dort die sozialgerechte Bodennutzung (SOBON) den Reibach der Investoren mindert. Ohne Zwang liefert sich die Stadt dem Gutdünken der Investoren aus. Doch: Wenn selbst die städtische Wohnungsbaugesellschaft (VGW) zugibt, wegen der Baupreise kaum noch günstigen Wohnraum stemmen zu können – wer, wenn nicht gewinnorientierte Investoren, sollte diese Lücke sonst füllen? Ironie beiseite: Es wird schlicht gar nichts mehr für den schmalen Geldbeutel gebaut. Denn auf andere Steuerungsinstrumente verzichtet die Stadt auch, beispielsweise auf eine Vorratspolitik bei den Grundstücken, wie sie Ulm betreibt. Aber gut, der Gemeinderat hat ja Übung im Einknicken. Unvergessen bleibt der Sündenfall, als sich das Gremium die ungeliebte Quote für magere 114.000 Euro von Gerald Feig am Salvator einfach abkaufen ließ. Damals floss immerhin noch Geld, heute will man den Persilschein offenbar ganz umsonst verteilen. Ja, Bauen ist teurer geworden. Aber wer das soziale Gewissen der Stadtplanung opfert, baut eine Stadt, in der Krankenschwestern, Handwerker und junge Familien bald keinen Platz mehr haben. Der Gemeinderat wurde von den Gmünderinnen und Gmündern gewählt, nicht von der ImmobilienLobby. Die Quote muss bleiben. Es sei denn, man möchte den sozialpolitischen Geisterfahrer-Kurs endgültig zur Gmünder Leitkultur erklären.
Copyright Rems Zeitung, 13.07.2026
