Piazza will Kunden zurückgewinnen
Aus der heutigen Rems Zeitung: Energiewirtschaft: Seit seinem Amtsantritt kämpft Celestino Piazza mit Herausforderungen bei den Stadtwerken. Nach 100 Tagen zeigen sich Licht und Schatten: Abrechnungen sind erledigt, doch die EDV-Probleme bestehen fort.
SCHWÄBISCH GMÜND. „Offenheit, Ehrlichkeit und Transparenz.“ Mit diesen Werten und jeder Menge harter Arbeit will Celestino Piazza die Stadtwerke wieder auf Kurs bringen. Am 14. November 2025 hatte er als Interimsgeschäftsführer die Nachfolge von Peter Ernst angetreten. Seitdem versucht er, das stark schlingernde Schiff wieder auf Kurs zu bringen.
Dem Gemeinderat legte er am Mittwochabend eine Bilanz seiner ersten knapp einhundert Tage vor. Dabei ließ er, bei allen Schwierigkeiten auch vorsichtig optimistische Töne anklingen. „Ich sehe Licht am Ende des Tunnels, aber der Tunnel ist noch lang“, so sein Fazit. Vier Problemfelder hatte er zum Start ausgemacht. „Da stand die Ampel auf Rot“, bemühte er einen Vergleich mit dem Straßenverkehr. Da die Abrechnungen der Wohnungswirtschaft nicht bearbeitet waren, drohten von dort Schadenersatzforderungen. Denn die Wohnungsgesellschaften müssen ihren Mietern die Abrechnung innerhalb eines Jahres zur Verfügung stellen. Auch bei der EEG-Umlage drohte den Stadtwerken ein Betrag von ungefähr vier
Millionen Euro durch die Lappen zu gehen, weil sie nicht abrechnen konnten. Dazu kamen eine schwierige Datenlage und teils fehlerhafte Basisdaten. Dazu die fehlerhafte Umstellung auf das neue EDV-System von Schleupen, das mitursächlich für das Chaos ist. „Da fehlte es auch an Führung“, stellte Piazza fest.
100 Tage später, sind die Probleme noch vorhanden, aber zumindest stellenweise gelöst. Die Abrechnungen für 2024 an die Wohnungswirtschaft sind erledigt. Auch die EEG-Umlage kann mit der Bundesnetzagentur weitgehend abgerechnet werden. Dank des vermehrten Einsatzes der Mitarbeiter wurden auch schon zahlreiche Zähler abgelesen. „Dafür auch herzlichen Dank an die Mitarbeitenden“, so Piazza. Von denen saßen einige im Publikum.
Das Problem mit der EDV-Umstellung hält noch an, verursacht zudem Kosten, weil externe Spezialisten zurate gezogen werden müssen. „Das System läuft nicht, und wir müssen dafür auch noch zahlen. Das kostet ein Heidengeld“, so Piazza. 69 Prozent der Tarifkunden für Strom und Gas seien zum 31. Januar 2026 abgerechnet worden, 31 Prozent seien noch offen, sagt der Geschäftsführer. Und erklärt, dass „die Abrechnung voraussichtlich Mitte Februar abgeschlossen ist“. Bei den Gewerbekunden (Strom und Gas) sind laut Piazza nur noch 12 Prozent der Kunden nicht abgerechnet. Das heißt: Ungefähr 79 Prozent der fast 65.600 Zähler sind abgelesen. Dies entspricht ungefähr 52.000 Zählern. Bei fast 11.000 gibt es noch Klärungsbedarf, davon bei 5.500 Kunden, weil sie nicht anzutreffen waren. „Ungefähr 1.000 Kunden haben uns den Zutritt verweigert“, sagt Piazza. Mitte Februar soll die Ablesung abgeschlossen sein. „Zwei Wochen früher, als ich dachte“, so Piazza. Nun muss man kein Fachmann für Energiewirtschaft sein, um festzustellen: Wer Abrechnungen schreibt, kann auch Geld einnehmen. Ein einfacher Effekt, der dafür sorgt, dass die Stadtwerke eine bessere Liquidität aufweisen, als zunächst angenommen. Mit insgesamt 51 Millionen Euro dürfen sie den Cash-Pool der Stadt maximal belasten. „Die Entwicklung ist erfreulicher, als zunächst befürchtet“, konnte Piazza auch hier Entwarnung geben. Mit den schon bislang entnommenen 36,2 Millionen Euro wurden 3,3 Millionen Euro weniger benötigt, als ursprünglich für diesen Zeitpunkt geplant.
Die Kurve zeigt aber noch nach unten. Für den Februar ist eine Belastung von 45,6 Millionen, im März 50,4 Millionen Euro. Erst dann soll die Trendwende sichtbar werden mit 47,6 Millionen im April, 44,5 Millionen im Mai und dann im Juni 32,3 Millionen Euro. Ein Grund für die hohen
Summen, laut Piazza: „Es wurden auch Investitionen über den Cash-Pool finanziert, statt dafür Darlehen aufzunehmen.“
Doch auch der Verlust vieler Kunden schmälert das Ergebnis. Unter Piazzas Vorgänger Peter Ernst war die Entwicklung der Kundenzahlen ein Geheimnis. Piazza geht damit transparent um. „Wir haben insgesamt ungefähr 10.000 Kunden seit 2023 verloren“, erklärt er auf Nachfrage der
Rems-Zeitung.
Diese möchte er zurückgewinnen. „Wir müssen wieder näher zum Kunden“, sagt er. Das Callcenter hat er gekündigt. Die Ansprechpartner sollen wieder im eigenen Haus sitzen. Zudem gibt es vergünstigte Angebote für Neukunden. „Ungefähr 100 Kunden haben wir bereits gewonnen“, sagt
er. Einer davon: Piazza selbst. Er will das Kundenzentrum wieder stärker öffnen. „Wir sind eine kleine Stadt, da kennt man sich. Natürlich werden wir beides anbieten: ein Portal, an das sich die Kunden wenden können, aber auch möglichst direkte Ansprechpartner. Vertrauen baut man nicht am Laptop auf“, betont er.
Von OB Richard Arnold und den Räten gab es Lob für die bislang geleistete Arbeit. „Wir benötigen für den Cash-Pool bessere Werte, als die prognostizierten. Wir müssen ja zu den Banken gehen.“ Hannes Barth (CDU) zeigte sich vorsichtig erleichtert: „Das sieht besser aus, als
zunächst befürchtet.“ Und auch Thomas Krieg von den Grünen pflichtete ihm bei.
Uli Dombrowski von der Bürgerliste anerkannte die geleistete Arbeit, schränkte aber ein: „Wenn sich im Jahresabschluss das Gesagte verifiziert, werden wir loben.“
Für die s.ö.l. erinnerte Andreas Benk daran, dass der Blick zurückgehe und er sich schon noch frage, wie das Ganze so lang unentdeckt bleiben konnte. Und er wollte wissen, ob die Arbeitsplätze bei den Stadtwerken sicher seien. „Wenn wir die Stadtwerke wieder hinbekommen, dann ja“, so Piazza, „allerdings wird es auch Umstrukturierungen geben müssen. Wir haben aber derzeit 45 externe Mitarbeiter im Haus.“
Für Jens Freitag (FDP/FW) ist es ein Fortschritt, dass jetzt auch die Konflikte,
wie in Bettringen Nordwest, angegangen werden. „Da wirkte die alte Geschäftsführung nicht sehr offen“, kritisierte er. Stadtrat Gerhard Bucher (SPD) findet es nicht fair, dass „Neukunden günstigere Tarife bekommen, als Stammkunden“.
„Das ist überall so, wir haben aber auch die Tarife für Stammkunden gesenkt“, entgegnete Piazza ihm.
Copyright Rems Zeitung, 05.02.2026
