Fehrle-Atelier: Warum eine Stadt Widersprüche aushalten muss
Aus der heutigen Rems Zeitung: Das Fehrle-Atelier im Zeppelinweg fordert Schwäbisch Gmünd. Jahrzehntelang wurde der Bildhauer in der Stadt ikonisiert, seine Rolle im Dritten Reich blieb dabei oft ausgeblendet. Doch die Kontroverse ist auch eine Chance.
Schwäbisch Gmünd. Wäre das schön, wenn sich die Geschichte in pechschwarz und jungfräulich-weiß aufteilen würde. Wie früher in den Western: Die Guten haben weiße Hüte, die Bösen schwarze. Doch das Fehrle-Atelier im Zeppelinweg zwingt Schwäbisch Gmünd dazu, nebliges Grau auszuhalten, das den Blick erschwert. Die Konzeption für das Fehrle-Atelier verlangt eine sensible Gratwanderung: Sie birgt das Risiko der Spaltung, aber auch die Chance auf eine ehrliche und versöhnliche Erinnerungskultur.
Die Fronten zeichnen sich ab. Aus der rechten Ecke droht das übliche Geröhre gegen einen vermeintlichen „Schuldkult“. Von links schwingt der Vorwurf, das Bild des Bildhauers allzu sehr weichzuspülen. Gleichzeitig wurde der Künstler in Gmünd über Jahrzehnte bereitwillig ikonisiert. Wer ohne den Filter des lokalen Patriotismus von außen auf die Stadt blickt, reibt sich unweigerlich die Augen, wie unkritisch seine kunsthistorische Bedeutung oft überhöht wird. Das anstehende Projekt erzwingt nun eine realistische Einordnung – ohne den gewohnten lokalen Pathos.
Fehrle ist kein Einzelfall
Der Schlüssel liegt darin, die Widersprüche nicht wegzudiskutieren, sondern als Teil der Realität zu akzeptieren. Es gilt, die Perspektive der Tochter zu respektieren, die in Fehrle den fürsorglichen Vater und den mutigen Ehemann sieht, der seine erste Frau vor der Vernichtungsmaschinerie der Nazis rettete. Ebenso unverzichtbar ist die Stimme des jüdischen Bildungswerks, das zu Recht daran erinnert, dass Kunst im Dritten Reich niemals harmlos war.
Fehrles Biografie ist das Paradebeispiel für menschliche Widersprüchlichkeit in einer Diktatur. Er war kein eiskalter Überzeugungstäter oder Parteifunktionär. Aber er war ein Mitläufer, der sich – vermutlich auch getrieben von Existenzsorgen und Ehrgeiz – mit den Machthabern arrangierte, um Aufträge zu sichern und so vom System zu profitieren. Er ist kein Einzelfall, sondern reiht sich ein in eine ganze Generation deutscher Kulturschaffender, für die stellvertretend etwa ein Heinz Rühmann steht.
Wenn das neue Museum diesen schmerzhaften Spagat zwischen künstlerischem Können, privater Menschlichkeit und politischer Anpassung ungeschönt abbildet, kann das Atelier im Zeppelinweg beides sein: ein schonungsloser, streitbarer Lernort und gleichzeitig ein Raum für echten Dialog. Wenn Gmünd den Mut hat, diesen komplizierten Graubereich zuzulassen, statt ihn mit Kleinstadt-Pathos zu vergolden, gewinnt die Stadt ein unschätzbares Fundament für die eigene Gegenwart.
Copyright Rems Zeitung, 13.06.2026
