Neues Gutachten aus Stuttgart sorgt für Zündstoff im Gmünder Fehrle-Atelier
Aus der heutigen Rems Zeitung: Ob am Unteren Marktplatz, an Schulen oder am Heiligkreuzmünster: Wer durch Schwäbisch Gmünd geht, begegnet überall den Werken von Jakob Wilhelm Fehrle (1884–1974). Er ist der bekannteste Bildhauer der Stadtgeschichte. Doch wie tief war der Künstler in den Nationalsozialismus verstrickt? Eine Untersuchung aus Stuttgart befeuert jetzt die Debatte.
Schwäbisch Gmünd. Diese Diskussion beschäftigt Schwäbisch Gmünd nicht erst seit gestern, erhält nun aber neue, heftige Brisanz. Die Stadt steht vor einer großen Aufgabe: Das original erhaltene Fehrle-Atelier im Zeppelinweg soll ein öffentliches Museum werden. Die Tochter des Künstlers, Cornelia Fehrle-Choms, hat die Werke bereits an die Gmünder Bürgerstiftung übergeben. Für die Stadt stellt sich die Frage, wie die Ausstellung das Schaffen des Bildhauers künftig darstellt. Gefragt ist der Spagat, sein Können zu zeigen, aber seine Rolle im Dritten Reich ehrlich und differenziert aufzuarbeiten. Genau diese Debatte wird jetzt durch eine neue, wissenschaftliche Untersuchung aus Stuttgart massiv befeuert.
Neue Brisanz aus dem Stuttgarter Landtag
Der neue Zündstoff kommt aus dem Landtag von Baden-Württemberg. Die Parlamentsleitung hatte eine Untersuchung der Vergangenheit von Künstlern in Auftrag gegeben, von denen Werke im Landtagsgebäude zu sehen sind. Die Kunsthistorikerin Dr. Leonie Beiersdorf und der Historiker Professor Dr. Frank Engehausen untersuchten dabei auch Fehrle, der 1955 eine Bronze-Büste des früheren Landtagspräsidenten Wilhelm Keil geschaffen hatte.
Wegen Fehrles unklarer Rolle in der NS-Zeit fordern die Gutachter eine Erklärungstafel direkt am Kunstwerk im Landtag. Dabei stützen sie sich auch auf eine frühere Untersuchung aus Schwäbisch Gmünd: Dr. Gabriele Holthuis, die ehemalige Leiterin des Gmünder Museums, stellte schon 2005 fest, dass Fehrles Hauptschaffenszeit genau in die Jahre 1934 bis 1945 fiel.
Seine Staatsaufträge brachten ihm, laut Holthuis, damals „großes Lob, publizistische Öffentlichkeit“ und „wirtschaftliche Sicherheit“. Holthuis sprach schon damals von einer deutlichen Ambivalenz – also tiefen Widersprüchen – in Fehrles Leben und Werk.
Die Sicht der Wissenschaft: „Aktiv in den Dienst der Nazis gestellt.“
Das aktuelle Gutachten untermauert dies mit Dokumenten aus dem Bundesarchiv. Zwar war Fehrle kein Mitglied der NSDAP. Die Forscher fanden jedoch heraus: Er wollte 1933 in die Partei eintreten. Die Führung lehnte seinen Antrag aber ab, weil er früher bei den Freimaurern gewesen war – einer von den Nazis verfolgten Gruppe.
Trotzdem machte Fehrle im NS-Staat Karriere. Zwischen 1939 und 1944 zeigte er insgesamt 17 Werke auf den großen Propaganda-Kunstausstellungen in München. Seine Nähe zum System zeigen laut Gutachten verschiedene Regierungsaufträge – auch in seiner Heimatstadt: das Gefallenendenkmal auf dem Unteren Marktplatz in Gmünd (1935), damals mit Reichsadler und Hakenkreuz, eine Hitler-Büste für die Universität Tübingen (1935) und Kunstwerke für den damaligen Nazi-Außenminister Joachim von Ribbentrop.
Das Fazit der Forscher: Auch wenn Fehrle anfangs als zu modern galt, stellte er seine Fähigkeiten ab 1934 aktiv in den Dienst des Nationalsozialismus und profitierte von den Vorteilen.
Die Sicht der Familie: Geldnot und eine rettende Tat
Ganz auf andere Art ordnet Fehrles Tochter, Cornelia Fehrle-Choms, die Biografie ihres Vaters ein. Sie betont seit Jahren, dass er kein Politiker und erst recht kein Nazi gewesen sei. „Er war eher unpolitisch. Nach den Erlebnissen im Ersten Weltkrieg wollte er nichts mehr mit Politik zu tun haben“, erinnert sie sich.
Als Beweis für seine innere Distanz nennt sie ein wichtiges Beispiel aus der Region: Fehrle holte seine psychisch kranke Ehefrau Klara eigenmächtig aus der Heilanstalt Christophsbad in Göppingen nach Hause. Damit rettete er sie, so Fehrle-Choms, nachweislich vor den Krankenmorden („Euthanasie“) der Nationalsozialisten.
Zudem verweist die Tochter auf ein Bild von 1943, das eine kraftlose deutsche Eiche ohne Blätter zeigt – für sie ein Zeichen seiner Ablehnung des Krieges. Dass er dennoch Staatsaufträge annahm, habe finanzielle Gründe gehabt. „Er war finanziell darauf angewiesen“, sagt Fehrle-Choms. Man könne ihm die Annahme des Geldes vorwerfen, ein überzeugter Anhänger des Regimes sei er aber nie gewesen.
Die Wissenschaftler des Landtags fordern wegen dieser Widersprüche eine verständliche Erklärungstafel an der Stuttgarter Büste. Das Gremium betont ausdrücklich: Es gehe nicht darum, ein moralisches Urteil zu fällen. Wichtig sei es, die historischen Fakten einfach und ehrlich zu präsentieren.
Copyright Rems Zeitung, 13.06.2026
