Jakob Wilhelm Fehrle und der Nationalsozialismus: Neue Forschungsergebnisse
Vom Landtag in Auftrag gegebenes Gutachten soll Widersprüche in Werk und Biografie des wohl bedeutendsten Gmünder Künstlers zeigen.
Schwäbisch Gmünd/Stuttgart. Wie stark war Gmünds wohl bedeutendster Künstler Jakob Wilhelm Fehrle mit dem Nationalsozialismus verknüpft? Dieser Frage spürt ein Forschungsprojekt des Landtags von Baden-Württemberg nach, das die NS-Bezüge der Künstler untersucht, von denen Kunstwerke im Landesparlament öffentlich zugänglich sind.
Gutachten empfiehlt Kommentierung von Fehrle-Büste
Die Antwort in Bezug auf Fehrle vorab: Die am Projekt Mitwirkenden sehen in Bezug auf den Gmünder Künstler aufgrund von „formalen Belastungen“ einen „Handlungsbedarf“. Sie empfehlen eine Kommentierung der von Fehrle im Jahr 1955 geschaffenen Büste des Landtagspräsidenten von Württemberg-Baden, Wilhelm Keil. Dieses Ergebnis ist für Gmünd interessant, weil das in Privatbesitz befindliche Atelier Fehrles im Zeppelinweg zu einem Museum werden soll. Fehrles Tochter Cornelia Fehrle-Choms hat dafür die im Atelier befindlichen Werke ihres Vaters an Gmünds Bürgerstiftung übertragen.
Landtag beauftragt umfassende Untersuchung
Das Forschungsprojekt hat das Präsidium des Landtags 2024 in Auftrag gegeben. Die Ergebnisse des Projekts sind im Oktober 2025 in einem Gutachten auf der Homepage der Landeszentrale für politische Bildung veröffentlicht worden. Verfasst haben dieses Dr. Leonie Beiersdorf, Kuratorin für Plastik des 19. bis 21. Jahrhunderts an der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe, und der Historiker Professor Dr. Frank Engehausen von der Universität Heidelberg. Das Gutachten nimmt sieben Landtagspräsidenten nach 1945 und 13 Künstler in den Blick, die für den 1961 erbauten Landtag in Stuttgart unter anderem Büsten der Landtagspräsidenten geschaffen haben. Unter den Künstlern ist auch Jakob Wilhelm Fehrle.
Fokus auf Verhalten während der NS-Zeit
Den Gutachtern geht es darum, „wie sich die Personen während der nationalsozialistischen Diktatur verhalten haben“. Bei den Künstlern wurde unter anderem geprüft, ob sie Mitglied der NSDAP waren, ob sie Auftragsarbeiten für die nationalsozialistische Kulturpolitik angenommen haben, ob sie bei der „Großen Deutschen Kunstausstellung“ zwischen 1937 und 1944 vertreten waren.
Fehrles künstlerischer Werdegang im Überblick
Beim 1884 in Gmünd geborenen Fehrle skizziert die Forschungsarbeit zunächst seinen Werdegang: seine Ausbildung zum Ziseleur bei Erhard und Söhne (1899 bis 1903), seine Studien an den Kunstakademien in Berlin (1904 bis 1905) und München (1906 bis 1909), seinen Studienaufenthalt in Rom (1909 bis 1910), seine Jahre in Paris (1911 bis 1914) und den darauf von 1914 bis 1918 folgenden Einsatz im Ersten Weltkrieg. Danach lebte Fehrle in Gmünd, errichtete sich ein Atelier im Zeppelinweg.
Bei der Darstellung von Fehrles Schaffen im Nationalsozialismus bezieht sich das Forschungsprojekt auch auf einen Ausstellungskatalog des Gmünder Museums aus dem Jahr 2005. Die damalige Leiterin des Museums, Dr. Gabriele Holthuis, hatte in diesem darauf verwiesen, dass „die Hauptschaffenszeit des reifen Fehrle in die Jahre zwischen 1934 und 1945 fällt“. Auftragsarbeiten für das Deutsche Reich hätten ihm „großes Lob, publizistische Öffentlichkeit“ und „wirtschaftliche Sicherheit“ gebracht. „Tatsächlich wird eine Ambivalenz in Fehrles Werk wie auch in seiner Biografie deutlich“, sagen Beiersdorf und Engehausen. Von 1933 bis 1945 sei er Mitglied der Reichskammer der bildenden Künste gewesen. Er habe zwar Abstand von der NSDAP gehalten, dennoch jedoch eine Mitgliedschaft angestrebt. Dazu sei es nicht gekommen, weil Fehrle einer Freimaurerloge angehört haben solle, schreiben Beiersdorf und Engehausen.
In den Jahren 1939 bis 1944 habe Fehrle insgesamt 17 Werke auf der Großen Deutschen Kunstausstellung gezeigt. „Das ist eine durchaus beachtliche Anzahl für einen Künstler, dessen Arbeiten aus formalistischen Gründen im Jahr 1937 noch als ‚entartet‘ eingestuft worden waren“, schreiben Beiersdorf und Engehausen.
Auftragsarbeiten für NS-Regime dokumentiert
Die Nähe des Bildhauers zum Nationalsozialismus dokumentieren laut Beiersdorf und Engehausen das Gefallenendenkmal mit Reichsadler und Hakenkreuz am Gmünder Unteren Marktplatz im Jahr 1935, die Hitler-Büste für die Universität Tübingen ebenfalls aus dem Jahr 1935 sowie weitere Auftragsarbeiten des Reichsaußenministers Joachim von Ribbentrop. Beiersdorf und Engehausen fassen zusammen: „Auch wenn einige ältere Arbeiten Fehrles 1937 als zu modern beziehungsweise wider den ‚deutschen Geist‘ eingestuft und aus öffentlichen Sammlungen konfisziert wurden, so zeigen seine zunehmenden Erfolge nach 1934 deutlich, dass er seine künstlerischen Fähigkeiten aktiv in den Dienst des Nationalsozialismus stellte.“
Tochter widerspricht NS-Narrativ
Ganz anders sieht dies Fehrles Tochter, Cornelia Fehrle-Choms. Wiederholt hat sie darauf hingewiesen, unter anderem schon im Katalog zur Ausstellung in Gmünd im Jahr 2005, dass es „weder seiner Person noch seinem künstlerischen Lebenswerk gerecht“ werde, Fehrle als einen nationalsozialistisch ideologisierten Bildhauer darzustellen“. Fehrle-Choms erzählt im Gespräch mit dieser Zeitung einmal mehr, dass ihr Vater seine psychisch erkrankte Frau Klara aus dem Christophsbad in Göppingen holte und sie so vor der drohenden NS-„Euthanasie“ bewahrte. Die Tochter verweist zudem auf ein Bild ihres Vaters aus dem Jahr 1943, das eine deutsche Eiche zeigt, ohne Kraft, ohne Blätter. Dieses Bild, das durchaus in einem Spannungsverhältnis zu Auftragsarbeiten Fehrles für die Nationalsozialisten steht, ist für die Tochter ein Beleg, dass ihr Vater mit der NS-Ideologie nichts am Hut hatte. „Er war finanziell darauf angewiesen“, nennt sie einen Grund für die Auftragsarbeiten. Dies könne man ihm zum Vorwurf machen. Auch sei er eitel gewesen, aber definitiv sei er nicht politisch gewesen und „auch kein Nazi“.
Wissenschaftlicher Beirat fordert Kontextualisierung
Ein überwiegend aus Historikern bestehender Wissenschaftlicher Beirat sieht jedoch im Rahmen des Forschungsprojektes des Landtags in Bezug auf Fehrle einen „Handlungsbedarf“. Die von Fehrle 1955 geschaffene Büste von Wilhelm Keil wie auch weitere Büsten anderer Künstler sollten „auf geeignete Weise kommentiert werden“ – beim Kunstwerk selbst, aber auch im Bürger- und Medienzentrum des Landtags wie auf der Internetseite des Landtags. Entscheidend sei dabei, dass „formale Belastungen sowie Brüche und Kontinuitäten in den Biografien der Künstler und Politiker sichtbar werden, gleichzeitig aber auch ihre Integration in die westdeutsche Nachkriegsgeschichte“. Wichtig ist dem Beirat dabei, dass „kein moralisches Werturteil der Nachgeborenen“ gefällt werde, jedoch die „historischen Fakten präsentiert“ würden und „Gesprächsanlässe für eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Leben im NS-Regime geschaffen“ würden.
Copyright Gmünder Tagespost, 05.06.2026
