Stadtfest ohne Kinderprogramm: Esperanza setzt mit symbolischer Trauerfeier ein Zeichen
Aus der heutigen Rems Zeitung: Dort, wo beim Schwäbisch Gmünder Stadtfest seit 2011 die Esperanza‑Bühne stand, lag in diesem Jahr ein Trauerkranz: Mit einer symbolischen Beerdigung protestierte das Jugendkulturzentrum gegen die städtischen Kürzungen – während das Stadtfest erstmals ohne Kinderprogramm auskommen musste.
Schwäbisch Gmünd. Ein Video-Clip in Schwarz-Weiß auf Social Media, eine blecherne Off‑Stimme im Stil eines Nachrichtensprechers, ein Trauerkranz an ungewohnter Stelle: Mit einer symbolischen Beerdigung hat das Esperanza beim Gmünder Stadtfest auf die Folgen der Haushaltskürzungen aufmerksam gemacht. Die Szene wirkt wie aus einem Kunstfilm – und doch ist sie bittere Realität.
Menschen aus dem Umfeld des Jugendkulturzentrums stehen andächtig beisammen, während zwei Personen den Kranz genau dort niederlegen, wo seit 2011 die Esperanza‑Bühne stand. „Viele waren überrascht und betroffen“, erzählt das Team. „Obwohl viele gar nicht wussten, was los ist, haben sie sich informiert und uns Zuspruch gegeben.“ Die Aktion traf einen Nerv. Und sie machte sichtbar, was in diesem Jahr fehlte: ein Stück Jugendkultur, das über ein Jahrzehnt selbstverständlich zum Stadtfest gehörte.
Wie es dazu kam: Ein Streit um 25 Prozent – und eine Entscheidung mit Folgen
Die symbolische Trauerfeier ist kein spontaner Einfall, sondern das Ergebnis eines monatelangen Konflikts. Im Frühjahr hatte der Gemeinderat mit 25 zu 15 Stimmen beschlossen, die 25‑Prozent‑Stelle der Geschäftsführung des Stadtjugendrings (SJR) nahezu vollständig zu streichen. Trotz Mahnwache von Jugendlichen vor dem Rathaus, trotz Warnungen von Grünen, SPD und söl, trotz der Hinweise, dass der SJR jährlich Zehntausende Euro an Fördermitteln für die Stadt akquiriert – die Mehrheit blieb bei ihrem Kurs.
Der gesamte SJR‑Vorstand trat daraufhin geschlossen zurück. Ohne hauptamtliche Unterstützung fand sich niemand, der das Ehrenamt weiterführen wollte. Damit brach eine Struktur weg, die über Jahre hinweg als Schnittstelle zwischen Verwaltung, Vereinen und Jugendkultur gedient hatte. Die Folgen sind nun sichtbar. Und spürbar.
Stadtfest ohne Kinderprogramm: Erste konkrete Opfer der Haushaltskürzungen
Zum ersten Mal seit vielen Jahren fand das Stadtfest ohne das beliebte Kinderprogramm am Mühlbergle statt. Hüpfburg, Bastelstationen, Kinderschminken – alles gestrichen. Die Stadtverwaltung erklärte, man könne das Angebot nicht ersetzen. Ohne den Stadtjugendring fehle die organisatorische Basis. Für das Esperanza ist das ein fatales Signal: „Ein elementarer Teil des Programms wird entfernt – und die Kinder leiden darunter.“ Gerade sie seien ohnehin oft die ersten, die von sozialen Kürzungen betroffen sind. Dass ausgerechnet das Stadtfest, ein Ort der Gemeinschaft, nun die Folgen trägt, empfinden viele als bitter.
Wie die Kürzungen den Alltag im Esperanza verändern
Auch im Esperanza selbst sind die Einschnitte längst angekommen. „Unser Programm lässt sich nicht mehr so einfach aufstellen, wir müssen alles anders kalkulieren.“ Eine der ersten Maßnahmen: höhere Getränkepreise. „Das widerstrebt uns sehr. Kultur soll für alle zugänglich bleiben.“
Dass die Stadtverwaltung betont, man könne vieles „mit eigenem Personal auffangen“, wirkt aus Sicht des Jugendhauses realitätsfern. „Wir mussten Angebote symbolisch zu Grabe tragen. Das ist sehr traurig.“ Vor allem, weil das Stadtfest für das Team ein emotionaler Fixpunkt war. „Nach elf Jahren eigener Mitgestaltung ist es ernüchternd, plötzlich nicht mehr Teil davon zu sein.“
Keine Reaktion aus der Politik – aber viel Rückhalt aus der Bevölkerung
Auf die Aktion selbst gab es bislang keine Rückmeldung aus Gemeinderat oder Verwaltung. „Nein“, sagt das Team knapp. Ganz anders die Resonanz aus der Stadtgesellschaft: Kerzen wurden angezündet, Menschen blieben stehen, zeigten Anteilnahme. „Der Rückhalt und Zuspruch aus der Bevölkerung bedeutet uns sehr viel.“ Die symbolische Beerdigung war für viele ein Moment, der verdeutlichte, wie tief die Kürzungen in die kulturelle Infrastruktur der Stadt eingreifen.
Neue Protestaktionen seien vorerst nicht geplant. „Die Entscheidungen sind gefallen.“ Stattdessen will das Esperanza auf Öffentlichkeitsarbeit setzen – und auf die Menschen, die sich bereits solidarisch gezeigt haben. „Wir möchten den Rückhalt der Bevölkerung behalten. Das gibt uns Kraft.“
Gleichzeitig versucht das Team, hoffnungsvoll zu bleiben. „Wir machen Pläne, wie wir mit den Kürzungen klarkommen können. Wir wollen kreativ bleiben und die Motivation nicht verlieren.“
Copyright Rems Zeitung, 22.06.2026
